Irgendetwas machen Hunde richtig und Kinder falsch! oder Warum geben wir jährlich 2 Milliarden für Hundefutter aus - mehr als für Babynahrung und -pflegeartikel?

Lorenz Zintl • 27. Januar 2020

Irgendetwas machen Hunde richtig und Kinder falsch! oder Warum geben wir jährlich 2 Milliarden für Hundefutter aus - mehr als für Babynahrung und -pflegeartikel?

Es gibt mehr Hunde als Vorschulkinder in Deutschland. Für viele Menschen ist er als Familienmitglied wichtiger denn je. Mensch und Hund gehören zusammen. Was ist das Geheimnis dieser innigen Freundschaft? Und warum geben wir 2 Milliarden Euro jährlich allein für sein Futter aus - mehr als für Babynahrung und –pflegeartikel? „Die Branche wächst unglaublich" schreibt der Focus. "Es wird davon ausgegangen, dass in den nächsten Jahren die Umsätze stark steigen werden!“

Versuch einer Erklärung des Phänomens

Kürzlich erzählte mir meine Nachbarin folgendes:

Im Grunde ihres Herzens ist meine Hündin Cherie ein Straßenköter. Auch wenn ihr feiner französicher Name etwas anderes verheißt: Sie frisst gern halb vergammelten Fisch aus der Gosse, liefert sich Keilereien und schätzt ein ordentliches Matschbad. Als ich die Hündin vor zwei Jahren adoptierte, war mir völlig klar: Die ist ein richtiger Hund und wird auch so behandelt. Nix mit Bett, Sofa und Leberwurstkeksen. Nie und nimmer werde ich ein lederbezogenes Hundebett für 300 Euro kaufen oder Sportkurse buchen, wo ich mit Welpenmamis über sanfte Erziehung diskutiere. Überhaupt würde ich nicht so ein Tamtam um das Tier machen. Nun ja. Das war die Theorie. Die Praxis zwei Jahre später sieht anders aus. Ja, ich habe Cherie schon teure Kekse gekauft. Ja, ich habe Hundesportkurse gebucht. Ja, das Biest hat mittlerweile mindestens drei Schlafplätze, verteilt über die Wohnung. Und ich mache ein Mords-Tamtam um sie. Zum Beispiel vor dem Urlaub. Meistens suche ich mir Ziele aus, zu denen sie mitkommen kann. Weil ich zu wenige Menschen kenne, bei denen sie ausreichend Aufmerksamkeit für ihre ganz besonderen Bedürfnisse bekäme.
Das Erstaunliche: Ich muss mich dafür nicht mal schämen. Ich bin eine durchschnittliche deutsche Hundebesitzerin und lebe in guter Gesellschaft. Denn ich wohne in der Hunde(s)republik Deutschland. Meine eigene Hundevernarrtheit verblasst angesichts der Aktivitäten und Fressgewohnheiten von Cherie’s Spielplatzgenossen. „Unsere Luna geht jetzt zur Wassergymnastik“, höre ich von ihren Besitzern. Oder: „Spike bekommt nur noch rohes Fleisch vom Metzger.“ Oder: „Mandy bekommt von mir nur noch das gesunde und artgerechte Futter von ANIfit. Etwas anderes kommt mir nicht mehr in den Napf! “ Ich möchte jetzt auch ANIfit für meine Cherie bestellen! Sie soll auch nicht leben wie ein Hund!"

Soweit die „Ansprache" meiner Nachbarin. 

Irgendetwas machen Hunde richtig und Kinder falsch. 

Die Geburtenrate bleibt seit dem Pillenknick niedrig, während die Zahl der Tiere stetig steigt. In den 40 Millionen deutschen Haushalten leben 9,4 Millionen Hunde - deutlich mehr als Kinder im Vorschulalter. Und der Aufstieg des Hundes vom Nutztier zum Familienmitglied erreicht hierzulande gerade eine neue Stufe. 

„Die Branche wächst unglaublich" 

Canis familiaris, so die korrekte zoologische Bezeichnung, ist lt. einem Focus-Artikel zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor geworden. Die Einwohner der Bundesrepublik geben jährlich mindestens zwei Milliarden Euro allein für Futter aus - mehr als für Babynahrung und -pflegeartikel. Die Umsätze der Züchter (rund 380 Millionen Euro) und Tierärzte (700 Millionen Euro) gehören eher noch zu den kleineren Posten. Ausgaben, die mit Hundehaltung zusammenhängen, machen mittlerweile 0,22 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus und sichern mehr als 100.000 Arbeitsplätze. 

„Die Branche wächst unglaublich. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren die Umsätze stark steigen werden“, sagt Renate Ohr. Die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Göttingen untersucht gerade die Ökonomie der Hundehaltung in Deutschland. In einer älteren Studie von 2006 konnte Ohr für die gesamte Branche fast fünf Milliarden Euro Umsätze belegen. Doch gerade in den vergangenen Jahren sind zahlreiche neue Geschäftsfelder rund um den Vierbeiner entstanden - zum Beispiel Hundehotels, Hundeschulen oder Physiotherapie. Deren Erlös ist noch gar nicht in die Rechnung eingeflossen. 

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